Thywissen-Büste: Zeitgeschichtliches Dokument und kein „Denkmal“

20. November 2016  Antrag, News

Die Ratsfraktion DIE LINKE sieht das Vorhaben, eine Büste Hermann-Wilhelm Thywissens vor dem Zeughaus zu installieren, kritisch. Statt eines solchen „Denkmals“ schlägt die Fraktion vor, die Skulptur in den historischen Rahmen einzubetten und (bspw. in einem Museum) mit Informationen über das Leben Thywissens zu versehen. Warum?

Die ganze Geschichte gibt es hier…

 

 

 

 

„Thywissen: Eine unerträgliche Belastung für das Gemeinwesen“

(Schlagzeile in der Westdeutschen Zeitung vom 11. November 1986)

Im Januar 1986 äußerte der Korschenbroicher Bürgermeister Wilderich Freiherr Mirbach Graf von Spee in einer Ratssitzung, dass man zur Sanierung des städtischen Haushaltes „ein paar reiche Juden erschlagen“ müsse. Von Spee weigerte sich beharrlich, sich für diese Aussage zu entschuldigen und der öffentliche Druck kostete ihn schließlich das Bürgermeister-Amt.

Am 7. November 1986 fand in Neuss die Gedenkfeier zur Erinnerung an die Reichspogromnacht und an die in der Nazizeit ermordeten Juden statt. Ausgerechnet diesen Anlass nutzte der Neusser Bürgermeister Hermann-Wilhelm Thywissen, um seinem Parteifreund und ehemaligen Kollegen von Spee zur Seite zu springen:

„Da ereignete es sich nun, daß im Februar dieses Jahres ein Bürgermeister aus der Nachbarschaft eine wenig glückliche Bemerkung, die sich auf die Juden bezog, machte. […]  Entscheidend ist für mich, daß es nicht wenige Menschen gab, die nur mit Verbitterung erlebten, wie ein ansonsten hoch angesehener und korrekter Mann bis in die Familie hinein verfolgt wurde. Damit haben sich die jüdischen Repräsentanten, die glaubten, hier ein Exempel statuieren zu müssen […] keinen Gefallen getan.“

(H.-W. Thywissen: Rede vom 07. November 1986, Stadtarchiv Neuss)

Thywissen führte außerdem aus, dass „der Bürgermeister eine Verfolgung erlebte, die mit dem Anlaß kaum noch in Verbindung stand.“

Nach Thywissens Auffassung waren also „jüdische Repräsentanten“ für den Sturz und die „Verfolgung“ des Grafen von Spee verantwortlich. Anschließend gab er den Juden noch den Rat mit auf den Weg, sich doch lieber – wie die Mehrheit der Neusser – am Christentum, als an der eigenen (sozial unverträglichen) Religion zu orientieren. Dabei versäumte er es nicht, das antisemitische Vorurteil von der ‚jüdischen Rachsucht‘ einzubauen:

„Wir sind hier in der überwiegenden Mehrheit Christen, für die Verzeihen, Nächstenliebe und gegenseitiges Verständnis wesentliche Lebensmerkmale sind. Auge um Auge und Zahn um Zahn, sind Begriffe, die ein Zusammenleben nur erschweren. Darum habe ich die aufrichtige Bitte, daß sich eine derartige Auseinandersetzung nicht wiederholt.“

(H.-W. Thywissen: Rede vom 07. November 1986, Stadtarchiv Neuss)

Mit diesen Ausführungen löste Thywissen, vor den entsetzten Augen und Ohren der anwesenden Trauernden, einen der größten Skandale in der Neusser Nachkriegsgeschichte aus. Die Verwendung des Begriffes „Verfolgung“ zu diesem Anlass und in Bezug auf von Spee, war nicht weniger als eine grundsätzliche Relativierung des Holocausts. Darüber hinaus hatte Thywissen in wenigen Sätzen das Bild einer jüdischen Verschwörung gegen einen „angesehenen und korrekten Mann“ gezeichnet und angedeutet, dass die Juden selbst für ein erneutes Aufflammen von Antisemitismus verantwortlich seien. Dabei handelte es sich nicht einfach um unüberlegte Wendungen im Laufe einer Rede. Thywissen las den Text vom Blatt ab und ließ eine Mitschrift der Rede noch während des Vortrages verteilen.

Durch Thywissens Rede war dem Ansehen der Stadt ein gewaltiger Schaden entstanden. Die Trauerfeier war zum denkbar schlechtesten Zwecke missbraucht worden und die Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf drohte zu scheitern. Die Fraktionen im Neusser Stadtrat verurteilten Thywissens Äußerungen. Die SPD forderte eine Sondersitzung des Rates, die CDU erwartete eine Entschuldigung und die Grünen forderten den Rücktritt des Bürgermeisters.

In der Sondersitzung des Rates vom 17. November 1986 nahm Thywissen seine Aussagen nicht zurück. Er entschuldigte sich zwar für „Mißverständnisse“ und beteuerte seinen Wunsch, niemanden  kränken zu wollen (insbesondere nicht die Vertreter der Jüdischen Gemeinde), doch er distanzierte sich nur äußerst ungenügend von den kritisierten Ausführungen:

„In diesem Zusammenhang habe ich aus meinen eigenen Erfahrungen hinzugefügt, daß in der Bevölkerung Reaktionen erkennbar werden, die deutlich machen, wie zerbrechlich das ist, was in der Verständigung mit den jüdischen Mitbürgern und dem jüdischen Volk erreicht werden konnte. Es ist mir schmerzhaft deutlich geworden, daß Zeitpunkt, Ort und Anlaß meiner Rede dazu geführt haben, daß ein Teil meiner Ausführungen nicht so gewählt worden war und auch nicht so verstanden worden ist, wie ich das gern gewollt hätte. Ich bedauere solche Mißverständnisse, und ich entschuldige mich.“

(H.-W. Thywissen: Erklärung im Stadtrat, 17. November 1986, Stadtarchiv Neuss)

Nach seiner Erklärung forderten SPD und Grüne nun endgültig Thywissens Rücktritt.

Dr. Dr. Udo Kissenkoetter (SPD): „Es ist Ihre erste Pflicht, dafür Sorge zu tragen, daß Gemeinsamkeiten mit dem ersten Bürger dieser Stadt wieder für alle möglich sind.“

Heinz Monitor (Die Grünen): „Ihre Formulierungen machen Täter zu Opfern. Sie sind der Boden für eine neue braune Saat. […] Sie haben die moralische Sensibilität vermissen lassen. Zeigen sie sich verantwortungsbewußt. Ziehen Sie die Konsequenzen.“

Unmittelbar nach der Ratssitzung verkündete Thywissen: „Ich habe keinen Grund zurückzutreten.“

Zuvor hatten bereits die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten“ und die Neusser Friedensinitiative den Rücktritt Thywissens als Bürgermeister gefordert.

Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf nahm Thywissens Entschuldigung nicht an, stellte jedoch – soweit aus den Quellen ersichtlich – keine politische Forderung. Stattdessen schrieb die Gemeinde in einem Brief an den Neusser Stadtrat,

„[…]daß wir aufgrund der Vorkommnisse anläßlich des Gedenkens zum 9. November an der Stätte der ehemaligen Synagoge in Neuss dann nicht mehr an dieser gemeinsamen Feierstunde teilnehmen werden, wenn auch Herr Thywissen zugegen ist. Es ist unerträglich für uns, an einem so trauer- und erinnerungsschweren Tag zusätzlich in der von Herrn Thywissen praktizierten Art des Gedenkens belastet zu werden.“

(Neusser Stadtzeitung: Darum werde ich in Zukunft fernbleiben, Januar 1987, Stadtarchiv Neuss)

Thywissen antwortete in einem Brief an die Ratsfraktionen, „daß ich nicht Anlaß sein werde, die Feierstunde am 9. November zu beeinträchtigen. Darum werde ich in Zukunft fernbleiben.“

„So wenig Feingefühl und Takt“, resümierte die „Neusser Stadtzeitung“, „hatten ihm selbst diejenigen nicht zugetraut, die in den letzten Wochen und Monaten verzweifelt versucht hatten das Image des ‚Ersten Bürgers der Stadt‘ hochzuhalten.“

Wichtige gesellschaftliche Gruppen und Personen, etwa der Autor Stefan Rohrbacher („Juden in Neuss“), kritisierten Thywissen scharf. Dieser weigerte sich jedoch beharrlich, Verantwortung zu übernehmen und die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.

So stürzte Thywissen nicht über diesen Skandal und auch nicht über den „Neusser Umweltskandal“ im folgenden Jahr. Neusser Unternehmen, darunter ein Tochterunternehmen der Ölmühle C.Thywissen, hatten satzungswidrig schadstoffbelastete Abwässer in das Hafenbecken gepumpt. Der Stadtrat hatte in diesem Fall mit 28 zu 27 Stimmen für eine Rücktrittsforderung an Thywissen gestimmt.

Doch auf Geheiß der CDU-Fraktion ignorierte der Bürgermeister das Ergebnis:

„Hermann-Wilhelm Thywissen bleibt Bürgermeister der Stadt Neuss. Obwohl die CDU-Fraktion in geheimer Abstimmung mit 27 zu 28 Stimmen den Grünen und der SPD unterlag (Eine Enthaltung und eine ungültige Stimme), gab es nach umstrittener Auslegung einer „Jein“-Stimme, darauffolgender Unterbrechung und geheimer Probeabstimmung innerhalb der CDU-Fraktion dann die einstimmige Aufforderung der Union an Thywissen, dem Votum der Ratsabstimmung nicht zu folgen. […]“

(Westdeutsche Zeitung : Diskussion um ein beherztes „Jein“, 31.10.1987, Stadtarchiv Neuss)

Es ist nicht die Aufgabe des Kulturausschusses, heute eine vollkommen neue und vollständige Bewertung der Person H.-W. Thywissen vorzunehmen. Der Ausschuss muss lediglich die Frage beantworten, ob die Taten Thywissens und sein Wirken in Neuss, das Setzen eines persönlichen „Denkmals“ an prominenter Stelle im öffentlichen Raum rechtfertigen. Die Ratsfraktion DIE LINKE kann diese Frage nur verneinen.

Eingebettet in den historischen Kontext könnte die Skulptur jedoch als zeitgeschichtliches Dokument und als Anregung zur Auseinandersetzung mit dem Leben des Neusser Ehrenbürgers ausgestellt werden.

[Alle erwähnten Quellen, auch die vollständigen Reden von Thywissen vom 07. und 17. November sind im Stadtarchiv Neuss einzusehen]

 

Antrag zu TOP 8 (gekürzte Fassung) .pdf

 

Bild auf dieser Seite: Presse- und Informationsamt der Stadt Neuss


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