Fahrradklima in Neuss – Kommentar zu den aktuellen Testergebnissen

12. April 2019  Uncategorized

Von Christian Babel

Die Veröffentlichung des Radklima-Test 2018 vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) am 09. April bescheinigt der Stadt Neuss wieder einmal nur eine mittelmäßige Schulnote bei Fragen rund um eine fahrradfreundliche Stadt. Die Befragung zeigt, dass trotz vieler Maßnahmen, die die Stadt Neuss in den vergangenen Jahren initiiert hat, wesentliche Verbesserungen für den Radverkehr nicht stattgefunden haben.





Dabei hat Neuss optimale Bedingungen: Als Großstadt am Rhein gelegen, werden die städtischen Verkehrswege nicht durch den Fluß limitiert. Es gibt prinzipiell eine gute Vernetzung der Wege, auch weil weitere topografische Hindernisse wie z.B. Berge und Schluchten fehlen, die es Rad Fahrenden erschweren würden, leicht Fahrt aufzunehmen. Radfahren macht in Neuss prinzipiell allen Altersgruppen Spaß, die Innenstadt ist leicht zu erreichen, was auch an geöffneten Einbahnstraßen liegt – so das Gesamtergebnis des ADFC–Tests.


Auch hat sich seit den letzten Jahren die Akzeptanz zwischen den Verkehrsteilnehmern verbessert. Das mag zum einen daran liegen, dass mehr Menschen zwischen den Verkehrsarten wechseln, also nicht immer nur das Auto benutzen und dafür auch mal mehr Rad fahren. Zum anderen erfolgte auch in der Stadt Neuss ein Paradigmenwechsel, weg von separierten Radwegen, wo Rad Fahrende gar nicht oder nur selten im Sichtbild der Auto Fahrenden sind. Dafür gibt es nunmehr Schutzstreifen für Rad Fahrende, Radwege, die auch von Autos genutzt werden dürfen, wenn es im Begegnungsverkehr zu eng wird. Dennoch haben Fahrrad Fahrende im Radklima-Test des ADFC die Stadt Neuss kritischer denn je bewertet. Lag die Gesamtnote für Neuss im Klimatest 2016 und 2014 noch bei 3,9 ist die Stadt nun 1/3 Schulnote schlechter. Das mag zum einen daran liegen, dass mit der Zeit mehr Menschen Umweltschutz und umweltverträglichen Verkehr als wichtig empfinden und mehr Fahrrad fahren. Vielleicht aber auch an dem dennoch zunehmenden Kraftfahrzeugverkehr und die damit eher empfundene Ungleichstellung der Verkehrsmittel zu Lasten des Fahrrades.


Wie sieht es denn im Einzelnen aus?

Hauptsächlich wird bemängelt, dass Radwege in einem schlechten Zustand sind. Dieses Bild zeigt sich schnell in der Innenstadt nach Karneval oder zum Schützenfest. Dort, wo separate (baulich von der Fahrbahn abgetrennte) Radwege sind, ist eine Extrareinigung notwendig, während Radwege auf der Fahrbahn gleich mit gesäubert werden. Dies gilt ebenfalls auch in der Winterzeit, wo so gut wie keine Räumung von Schnee und Eis stattfindet. Eindeutige Schwächen offenbaren sich zudem bei Baustellen, schlechten und oft umkoordinierten Ampelschaltungen und den vielen Falschparkern auf Radwegen. Hier wird die Note 5 vergeben. Wer sich umschaut, sieht die Bestätigung überall im Stadtbild. Seit mehrjährigen Stichproben haben wir so gut wie keine (!) Baustelle angetroffen, die Fahrrad Fahrende sicher durch die Engstelle führt. Stattdessen findet sich überall die Aufforderung  „Fahrradfahrer absteigen“, ein Schild, das es in der Verkehrsordnung gar nicht gibt und nach Aussage des Stadtdezerneten für Stadtentwicklung und Straßenbau, Herrn Hölters, in Neuss auch nicht aufgestellt werden soll. Sichere Umführung um die Baustelle, Abmarkierung von Radstreifen auf der Fahrbahn zur Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer? Null. Stattdessen müssen solch gefährlichen Baustellen per „RADar“ der Stadt gemeldet werden – von engagierten Rad Fahrenden. Eine krasse Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Hier ist die Note 5 völlig zu recht vergeben.


Falschparkende Kraftfahrzeuge auf Radwegen sind ein ernst zu nehmendes Sicherheitsrisiko für Rad Fahrende. Ein Ausweichen auf dem Gehweg ist nicht gestattet. Passiert ein Unfall, so ist der Rad Fahrende mithaftend. Ein Ausweichen auf die Fahrbahn erfordert eine extrem hohe Aufmerksamkeit, da Kfz-Fahrende oft nicht mit ausweichenden Rad Fahrenden rechnen. Trotzdem wird das Falschparken kaum sanktioniert. Da wird z.B. auf der Gladbacher Str. gegenüber der St.Joseph Kirche zu jedem Kirchgang der Radweg in weiten Teilen dreist zugeparkt. Als Ausnahmezustand darf auch die Zeit des Neusser Bürgerschützenfestes gesehen werden. Hier scheint sich das Ordnungsamt scheinbar gar nicht mehr für Falschparker zu interessieren. Solche offensichtliche Missbilligung von Sonderwegen mit Benutzungspflicht (wie Radwege rechtlich auch gewertet werden) wird von Rad Fahrenden in Neuss mit einer glatten 5 abgestraft.

Das Rad Fahren bekommt in vielen Städten eine neue Dimension durch Bike-Sharing. Bike-Sharing macht es Menschen einfacher zwischen den Mobilitätsarten zu wechseln. So kann auf „der letzen Meile“ vom Bahnhof zum Büro oder in die Innenstadt ein Leihfahrrad gute Dienste verrichten, zumal man es einfach am Ziel stehen lassen kann. Bike-Sharing kann also eine sehr aktive Rolle im Umweltschutz spielen, etwa bei der Frage, ob man mit dem Kfz fahren muss, nur weil die letzte Wegstrecke schlecht an den ÖPNV angebunden ist. Dennoch spielt Bike-Sharing in Neuss nur eine untergeordnete Rolle und wird von vielen Rad Fahrenden in den Umfrageergebnissen des Radklimatestes vermisst. Ob diese Lücke die Stadtwerke Neuss mit einem Standort gebundenen Konzept für Leihfahrräder am Niedertor füllen kann, darf zurecht bezweifelt werden. Wie gut das Prinzip Standortungebundener Leihräder aufgeht zeigt die Nachbarstadt Düsseldorf. Zu wünschen wäre es also, dass man einfach mit dem Leihrad über Stadtgrenzen hinweg Rad fährt und dafür das Auto stehen lässt. Dann wären wir in Neuss einen kleinen Schritt weiter, hin zu einer mehr fahrradfreundlichen Stadt.

Christian Babel ist sachkundiger Bürger und Fahrradverkehrspolitischer Sprecher der Ratsfraktion DIE LINKE.


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