Rede zum 1. Mai 2015 – Kein „Ferdinand-Von-Lüninck Weg“ in Neuss!

04. Mai 2015  News
Roland Sperling

Der Vorsitzende der Ratsfraktion DIE LINKE und linke Ortsverbandssprecher Roland Sperling sprach am 1.Mai 2015 anlässlich der Ehrung der Neusser Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer. In seiner Rede erläuterte er auch den Protest unserer Fraktion gegen eine geplante Straßenbenennung nach Ferdinand von Lüninck. Wir dokumentieren an dieser Stelle die vollständige Rede:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir gedenken alljährlich der Neusser Widerstandskämpfer. Dieses Andenken gilt nicht nur den hier bestatteten Hermann Düllgen und August Höhfeld, sondern auch den anderen Neusserinnen und Neussern, die ihre Haltung zum Nationalsozialismus mit ihrem Leben bezahlen mussten. Ihre Namen sind im goldenen Buch der Erinnerung am Neusser Rathaus nachzulesen.

Dass es sich bei ihnen um „Widerstandskämpfer“ handelte, hinterfragen wir nicht. Für gewöhnlich machen wir uns selber auch nicht klar, was wir unter einem „Widerstandskämpfer“ überhaupt verstehen. Aber spätestens dann, wenn es darum geht, weitere Personen zur Liste der Widerstandskämpfer hinzuzufügen, kommen wir um eine Klärung nicht herum.

In Neuss diskutieren wir zurzeit über eine Straßenbenennung nach dem früheren Neusser Landrat Ferdinand von Lüninck. Dieser war ein erklärter Gegner der Weimarer Demokratie, trat 1933 in die NSDAP ein, pries Hitler als „von der göttlichen Vorsehung gesandt“ und war bis1938 Oberpräsident der Provinz Westfalen – eine hohe Funktion im NS-Staat, direkt nach dem preußischen Innenminister. Er wurde schließlich als Mitverschwörer des 20. Juli hingerichtet, nachdem er sich bereiterklärt hatte, nach einem Umsturz ein politisches Amt wahrzunehmen.

Zunächst ist man geneigt, eine Straßenbenennung nach ihm zu befürworten. Den 20. Juli rühmen wir gemeinhin als „Aufstand des Gewissens“, als einen verzweifelten Akt des Kampfes gegen die unmenschliche Tyrannei, der – wäre er erfolgreich gewesen – den Tod von Millionen Menschen verhindert hätte. Die Hochachtung, die wir in Deutschland den Attentätern des 20.Juli zukommen lassen, ist deshalb in vielen Fällen gerechtfertigt. Allerdings nicht pauschal.

Weitgehend unbekannt ist, dass zu den Mitverschörern des 20. Juli auch Männer gehörten, die sich zuvor schwerster Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht haben. Etwa General Eduard Wagner, der dafür verantwortlich ist, dass 3 ½ Millionen russische Kriegsgefangene verhungerten. Oder General von Stülpnagel, der die Mordaktionen der SS-Einsatzgruppen aktiv förderte. Beide wurden nach dem 20. Juli hingerichtet. Ein besonders krasses Beispiel ist der Versuch der Widerstandsgruppe um Goerdeler im Jahr 1944, Heinrich Himmler für den Widerstand zu gewinnen. Angenommen, er hätte sich beteiligt, würden wir ihn heute als Widerstandskämpfer ehren?

Von Lüninck war an solchen Verbrechen nicht beteiligt. Aber in seiner hohen politischen Funktion hat er bei der Gleichschaltung, der Inhaftierung von Oppositionellen und an der Durchsetzung der Nürnberger Rassegesetze mitgewirkt. In seiner Akte finden sich zahlreiche Berichte über Ausschreitungen gegen Juden. „Bremsende Initiativen von ihm“, so schreibt sein Biograph Ekkehard Klausa, „sind aus dieser Akte nicht ersichtlich.“ Herrmann Pünder, später Mitbegründer der CDU und selber im Widerstand tätig, beschreibt in seinen Lebenserinnerung von Lüninck, der zeitweise sein Vorgesetzter war, als „willfährig“. 1937 schrieb von Lüninck an Göring: „Ich bekenne mich in voller Überzeugung zu den Anschauungen und Lehren des Nationalsozialismus, die im Parteiprogramm und in dem Buch „Mein Kampf“ niedergelegt sind.“ Wie man einen solchen Brief, wie Ekkehard Klausa dies tut, als Ausdruck von Widerstand gegen das NS-Regime deuten kann, ist für mich unbegreiflich.

Aber zeigt seine spätere Beteiligung am Widerstand nicht, dass er – wenn auch spät – die verbrecherische Natur des Regimes erkannt und seine frühere Mitwirkung daran bereut hat? Wir wissen es nicht. Von Lüninck selbst hat seine – im Übrigen sehr randständige – Beteiligung am Widerstand allein mit dem von Regime geführten Kirchenkampf begründet. In den Verhören durch die Gestapo erklärte er zur Politik des NS-Staates, es sei im Laufe der Zeit doch recht viel Wasser in den Wein geflossen. Dies deckt sich mit der Feststellung des Historikers Hans Mommsen, wonach viele Verschwörer der Auffassung waren, dass die Grundsätze des Nationalsozialismus an sich gut gewesen, aber von den Machthabern schmählich verraten worden seien. Darüber, welche politischen Vorstellungen von Lüninck für die Zeit nach dem Umsturz hatte, wissen wir ebenfalls nichts. Der weit verbreiteten Ansicht, in den Widerständlern die Vorfahren der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu sehen, kann man nur entschieden widersprechen. Die wenigsten wollten einen demokratischen Rechtsstaat. Freiheitliche Ansichten waren noch am ehesten beim Kreissauer Kreis und zum Ende hin auch bei Stauffenberg zu finden. Die meisten Vertreter des so genannten nationalkonservativen Widerstands allerdings, dem von Lüninck zuzurechnen ist, planten – in der ein oder anderen Weise – einen autoritären Staat. Manche wollten sogar weiterhin die Ausscheidung der Juden aus dem Staats- und Wirtschaftsleben. Der Widerstandskämpfer Graf von Schulenburg, der gute Kontakte zu von Lüninck hatte und ihn wahrscheinlich für den Widerstand anwarb, begrüßte weiterhin die Großraumpolitik des Dritten Reiches und vertrat 1943 (!) u.a. die Ansicht, dass gegen „das Gesindel, das weder Willen noch Können besitzt, das Leben zu meistern, die volle Schärfe des Gesetzes zur Anwendung“ gebracht werden solle.

Der Historiker Joachim Fest schreibt dazu: „Es gehört zu den Ungereimtheiten, dass als Widerstand fast ausschließlich jene Gegner des Dritten Reiches gefeiert werden, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch zu den Gegnern unserer heutigen Staats- und Gesellschaftordnung zählen würden.“

Hans Mommsen geht sogar noch weiter: ihm zufolge trifft auf einen Teil der nationalkonservativen Opposition die These zu, dass dieser Widerstand im Grunde genommen die Fortsetzung der antidemokratischen Opposition gegen die Weimarer Republik war.

Dem Neusser Bürgermeister ist zu danken, dass er den Beschluss des Kulturausschusses, eine Straße nach von Lüninck zu benennen, gestoppt und eine fachliche Diskussion ermöglich hat. Nun müssen die richtigen Konsequenzen getroffen werden. Ich jedenfalls möchte am nächsten 1. Mai, wenn wieder an die Neusser Widerstandskämpfer gedacht wird, nicht auch einen von Lüninck darin eingeschlossen wissen. Viele der Neusser Widerstandskämpfer, deren wir hier gedenken, waren von Anfang an Gegner des Naziregimes. Sie stehen damit moralisch weit über Leuten wie von Lüninck, gegen die sie ja gerade gekämpft haben. Bei dem Gedanken daran, mit ihrem früheren politischen Gegner von Lüninck in einem Atemzug genannt zu werden, würden sie sich im Grabe herumdrehen.

Roland Sperling


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